Holunder und Frau Holle

Über Gleichstellung, Gesundheit, die Germanen und eine gute Göttin

Es ist schon allein der Geschlechtergerechtigkeit wegen unvermeidbar, zunächst der ursprünglichen Wahrnehmung des Holunders ein paar Zeilen zu widmen: Beginnen wir also mit den alten Germanen. Diese waren überzeugt, dass der Holunderstrauch der Lieblingsbaum der Göttin Holda war, eine Göttin, die nicht nur über sagenhafte Heilkräfte verfügte, sondern auch Haus, Hof und die dort lebenden Menschen vor Ungemach wie dem Treiben böser Geister oder Blitzeinschlägen schützte. Aus diesen guten Gründen erfreute sich Holda allerhöchster Wertschätzung und man brachte ihr Brot, Milch und Bier als Opfergaben unter einen Holunderbaum, in dem man ihren Wohnsitz vermutete.
Da Frauen jedoch in den allermeisten späteren Religionen nur noch eine eher untergeordnete Rolle spielen durften, wurde Holda im Zuge der Christianisierung durch St. Nikolaus ersetzt: Aus dem Holunderzweig in ihrer Hand, den die Germanen seinerzeit noch als Symbol der Fruchtbarkeit und Liebe deuteten, wurde beim Nikolaus dann die Rute. So sind sie, die Männer.

Aus der guten Göttin Holda wurde dann im weiteren Lauf der Zeit Frau Holle, deren Aufgabe zumindest in der Grimmschen Erzählung hauptsächlich darin besteht, Hilfestellung bei der Unterscheidung zwischen „guten“ und „bösen“ Mädchen zu leisten und im Rahmen ihrer hauswirtschaftlichen Tätigkeiten für Schnee zu sorgen. Eine derart empörende Herabsetzung und weitere Fragen der Gleichberechtigung werden Sebastian Kneipp jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach kaum wirklich interessiert haben. Dennoch gründete seine Schwärmerei für den Holunder möglicherweise doch ganz intuitiv auf den guten Eigenschaften, die ursprünglich der Namenspatin Holda zugeschrieben wurden. So bemerkt Kneipp in seinem Büchlein „Kneipps Hausapotheke“: „Dem Hause am nächsten stand in den guten alten Zeiten der Holunderbusch; jetzt ist er vielfach verdrängt und ausgerottet. Es sollte kein Wohnhaus geben, wo er nicht gleichsam als Hausgenosse in der Nähe wäre oder wieder in die Nähe gezogen würde; denn am Holunderbaum sind wirksam die Blätter, die Blüten, die Beeren, die Rinde und die Wurzeln.“

Die Holunderkur gleich um die Ecke
Über die Beeren, die ab August reifen und die rein botanisch gesehen übrigens gar keine Beeren, sondern Steinfrüchte sind, berichtete Kneipp: „Die Beere, welche zur Herbstzeit häufig gekocht und als Mus gegessen wird, wurde von den Alten hochgeschätzt als Blutreinigungsmittel. Meine selige Mutter hat alle Jahre 14 Tage bis 3 Wochen lang eine solche Holunderkur vorgenommen. Dieses war der Hauptgrund, weshalb unsere Altvordern noch vor 50 bis 60 Jahren mindestens ein paar Holunderbäume vors Haus pflanzten. Wie die hohen Herrschaften heutzutage zu der teuren Traubenkur wandern, oft nach fernen Ländern, gingen unsere Eltern und Großeltern in die Kur zum Holunderbaum, der sie in nächster Nähe so billig und oft viel besser bediente.“

Gut gegen Erkältungen, Entzündungen und das Altern
Sowohl Holunderbeeren als auch Tee aus der Rinde und den Blüten werden heute als bewährte Hausmittel gegen Nieren- und Blasenleiden oder Erkältungssymptome angewendet. Darüber hinaus sollen sie auch Herz und Kreislauf stärken. Zurückzuführen ist dies nicht nur auf den hohen Gehalt an den Vitaminen A, B und C, sondern auch auf wirksame Fruchtsäuren, ätherische Öle und vor allem die für die Farbe verantwortlichen Anthocyanidine, die Zellmembrane vor freien Radikalen schützen und auf diese Weise den Alterungsprozess verlangsamen.
Während die ätherischen Öle – wie Kneipp bereits wusste – schweißtreibend und schleimlösend wirken, konnte in Studien mittlerweile nachgewiesen werden, dass getrocknete Holunderblüten eine entzündungshemmende Wirkung haben. „Schaden kann ein solcher Tee niemals bringen“. Sagt Kneipp.

Aber sind Holunderbeeren nicht giftig?
Kein Grund zur Sorge. Tatsächlich ist in rohen Holunderbeeren das Gift Sambunigrin in einer sehr schwachen Dosierung enthalten. Deshalb sollten insbesondere Kinder keine frisch gepflückten Holunderbeeren verzehren, da diese Übelkeit und Durchfall hervorrufen können. Bei der Zubereitung von Saft oder Gelee werden die unbekömmlichen Glycoside jedoch durch das Kochen zersetzt, sodass Holunderbeeren nach der Erhitzung auch für Kinder völlig unbedenklich sind.
Ein Tipp für die Zubereitung: Sie ersparen sich viel Arbeit, wenn Sie vor der Verarbeitung die gesamten Dolden einfrieren: Tiefgefrorenen lassen sich die Beeren einfach abschütteln. Und es geht sogar noch ein wenig einfacher, denn:

Es tut sich was!
In „Kneipps Hausapotheke“ beklagte Sebastian Kneipp im Jahr 1886, dass die überaus guten Dienste des treuen und früher so geachteten Holunderbaums in Vergessenheit geraten seien, und beendete seinen Beitrag mit den Worten: „Daß der alte Freund wieder zu neuem Ansehen kommen möchte!“
Sein Wunsch scheint sich nun zu erfüllen: Der gute Geschmack und die heilsame Wirkung des Holunders haben sich mittlerweile herumgesprochen. So wird die Pflanze zunehmend kultiviert und zu unterschiedlichen Produkten verarbeitet, die im Handel angeboten werden. Damit erübrigen sich die zeitaufwendige Pflückerei, die mühsame Auslese und das Einkochen: Sirup, Saft, Gelee und alle weiteren Erzeugnisse kann man sich – sogar in Bio-Qualität – direkt nach Hause liefern lassen.
Und um noch einmal auf die ehemals hochgeschätzte Göttin Holda, das Miteinander der Geschlechter und die Gleichstellung als solche zurückzukommen: Zumal es noch vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar erschien, dass an der Spitze des deutschen Staates eine Kanzlerin steht, wird eines Tages vielleicht auch eine Versammlung aus Kardinälinnen und Kardinälen eine Frau zum Papst wählen. Wer weiß das schon? Und am 6. Dezember trinken wir dann zu Ehren der Heiligen Holda einen leckeren Holunderpunsch …

Peter Kaprolat ist als Redakteur und Ideengeber für Tourismusverbände, Reiseanbieter und Gesundheitsdienstleister tätig – unter anderem auch für die Kneipp Premium Class.
Mit seiner Kommunikationsagentur 7eins unterstützt er Unternehmen bei deren digitaler Ausrichtung.