Hyggelig soll’s werden

Egal, ob nah oder fern. Wir alle kennen Orte, die uns auf eine ganz bestimmte Weise berühren und uns nicht mehr loslassen. Sehnsuchtsorte, zu denen es uns immer wieder hinzieht.

ür Johann Wolfgang von Goethe war es eine einfache Jagdhütte auf dem Kickelhahn im Thüringer Wald, wo ihn die Stille zu den Versen „Wandrers Nachtlied“ inspirierte und wohin er 50 Jahre später, als sein Tod nicht mehr fern war, ein letztes Mal zurückkehrte. Für Ludwig van Beethoven war es das Siebengebirge, für Theodor Fontane Brandenburg, für Ludwig Richter die Sächsische Schweiz und für Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Sigmund Freud oder Käthe Kruse war es Hiddensee.

Sie alle hatten ihre eigenen Lieblingsplätze und Sehnsuchtsorte, wo sie Muße und Inspiration für ihre Arbeit fanden. Gerade die Natur, so scheint es, ist prädestiniert dafür, Menschen in ihrem Innersten zu berühren. Hier finden wir Entspannung und können unsere Seele baumeln lassen. Obwohl natürlich auch andere Kriterien ausschlaggebend sein können, wie das Zitat des französischen Dichters Arthur Rimbaud zeigt: „Ich habe einen Lieblingslatz zum Trinken: Lang lebe die Academie d’Absomphe, trotz der schlecht gelaunten Kellner.“

Orte lassen uns tiefer empfinden als Dinge

Aber was ist es denn, das Orte für uns bedeutend macht? Die Organisation „National Trust“ ist dieser Frage nachgegangen, indem sie Menschen befragt und bei der Betrachtung von Orten und Gegenständen ihre Gehirnaktivitäten gemessen hat. Das Ergebnis: Bilder von Orten, die eine besondere Bedeutung für die Studienteilnehmenden hatten, lösten eine intensive emotionale Reaktion aus. Ganz im Gegensatz zu materiellen Dingen, zu denen die Testpersonen ebenfalls eine positive Verbindung hatten. Das heißt: Ein Ehering oder ein persönliches Foto lösten keine stärkere Hirnaktivität aus als andere, alltägliche Gegenstände.

Die Verbindung, die wir zu unseren Lieblingsorten haben, ist also besonders ausgeprägt. Dabei stellte sich im Verlauf der Studie heraus, dass besonders drei Aspekte einen Ort zu einem Sehnsuchtsort machen:

  1. Es handelt sich um Orte, die wir seit unserer Kindheit kennen oder die wir in einer Phase unseres Lebens entdeckt haben, die prägend für uns war.
  2. Es sind Spots, die wir mit anderen Menschen, die uns besonders nahestehen, in Verbindung bringen oder mit ihnen besucht haben.
  3. Es sind Orte in unserer aktuellen Lebensumgebung, wo wir uns zu Hause fühlen.

Die Befragten sagten denn auch, es fühle sich so an, als ob ihr Lieblingsort zu ihnen gehöre – oder sie zu ihm. Sie verspürten ein starkes Bedürfnis, diesen Ort ihren Liebsten zu zeigen und das damit verbundene tiefe Erlebnis zu teilen. Außerdem war es ihnen wichtig, die Orte zu schützen und ihre Schönheit auch für die Nachwelt zu bewahren. Der Gedanke, ihr Sehnsuchtsort könnte verlorengehen, war für die große Mehrheit unerträglich.

Wo geht Ihr Herz auf?

Und wo liegt Ihr persönlicher Sehnsuchtsort? Wohin zieht es Sie immer wieder? Wo fühlen Sie sich zu Hause, obwohl Sie meilenweit entfernt leben? Wo finden Sie Entspannung und Ruhe? Wo geht Ihr Herz auf?

Es lohnt sich auf jeden Fall, dieser Sehnsucht nachzugeben und die Orte, die etwas in uns anklingen lassen, so oft wie möglich aufzusuchen. Wir tun damit unserer Seele etwas Gutes, können den Alltag vergessen und neue Energie tanken. „Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause.“ Diesen Rat der englischen Dichterin Elizabeth Barrett Browning sollten wir uns öfters zu Herzen nehmen.

Die Dänen machen es uns vor: Sie haben „Hygge“ als Lebensprinzip in ihrem täglichen Dasein verankert. Das Wort (das zwar eigentlich aus dem Norwegischen stammt), beschreibt gemäß Duden ein Gefühl der Gemütlichkeit und Heimeligkeit. Gelebt und empfunden werden kann es alleine oder in Gemeinschaft, daheim im Lieblingssessel, bei der Gartenarbeit, in einem neu entdeckten Café, bei einem Streifzug durch die Stadt oder draußen in der Natur. Hyggelig ist es, wenn man sich wohlfühlt und die Zeit ihre Bedeutung verliert, weil man gerade nirgends lieber sein möchte und vor allem nichts Besseres zu tun hat.

Worauf warten Sie also? Auf den richtigen Moment? Dann möchte ich an dieser Stelle noch den britischen Schriftsteller John Donne zitieren: „Kein Tag hat genug Zeit, aber jeden Tag sollten wir uns genug Zeit nehmen.“

Bettina Bichsel schreibt und bloggt rund um Medizinisches, Gesundes und Kneipp-Spezifisches. Daneben arbeitet die diplomierte Journalistin als Texterin, Kommunikationsexpertin und Coach.

Kategorie: Balance