200 Jahre Kneipp – der etwas andere Rückblick

Über Udo, Napoleon und allerlei Revolutionäres

Nachdem nun alle Presse-Würdigungen über den revolutionären „Wasserapostel“ geschrieben und die Reden zum 200. Geburtstag von Sebastian Kneipp verklungen sind, möchten wir – quasi als Abschluss aller Feierlichkeiten – noch einen weiteren und vor allem auch ergänzenden Blick zurück werfen. Willkommen auf einer wilden Reise durch die Geschichte!

Nachzureichen wäre beispielsweise noch, dass am 17. Mai 2021 neben Sebastian Kneipp auch der 125 Jahre jüngere Udo Lindenberg einen runden Geburtstag feierte – ebenfalls ein Revolutionär und Pionier, der die deutsche Sprache in der Rockmusik salonfähig machte und sich mit dem „Sonderzug nach Pankow“ auf seine ganz eigene Art in die schwierige Beziehung zwischen den beiden deutschen Staaten einmischte. Wenn dieser schöne Begriff nicht mittlerweile verdorben wäre, könnte man beide, Kneipp und Lindenberg, respektvoll als „Querdenker“ bezeichnen.

Napoleon – noch ein Revolutionär

1821, im Geburtsjahr Kneipps, verstarb Napoleon Bonaparte, übrigens genau 12 Tage, bevor Sebastian Kneipp das Licht der Welt erblickte. Auch wenn sein Ruf als kriegstreiberischer und zuletzt äußerst unglücklicher Feldherr heute weitaus schlechter ist als der von Kneipp, hat auch Napoleon Erfreuliches für unser heutiges Leben bewirkt: So wurde Napoleons Gesetzbuch „Code Civil“ zur Grundlage für unser heutiges Bürgerliches Gesetzbuch und zur Trennung von Staat und Kirche. Zudem ist kaum bekannt, dass Napoleon nicht nur „Elle“ und „Zoll“ abschaffte und das metrische System einführte, sondern es auch ihm zu verdanken ist, dass in Deutschland Gebäude mit Hausnummern versehen wurden.

Bewegte Zeiten in Deutschland

Manche denken, dass es zu Kneipps Lebzeiten weitaus ruhiger und beschaulicher zugegangen ist als in unserer heutigen hektischen Zeit. Doch dies war keineswegs der Fall: So führte die industrielle Revolution im frühen 19. Jahrhundert zu nachhaltigen Umwälzungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse und war für viele Menschen mit schmerzhaften Veränderungen verbunden. Darüber hinaus war auch die politische Situation äußerst unruhig: Mit der zunehmenden Unzufriedenheit über die Herrschaft des Adels und diverser Fürstenhäuser kam es zu zahlreichen Aufständen, die schließlich in der „Märzrevolution“ in den Jahren 1848 und 1849 gipfelten: Es war nur ein erster Anlauf, doch immerhin unternahm der deutsche Staat seinen ersten zaghaften Versuch zur Etablierung einer demokratischen Ordnung und erhielt am 28. März 1849 erstmals eine Verfassung.
Wenngleich Sebastian Kneipp von Zeitgenossen als erzkonservativ beschrieben wurde, zeigte er – wie die demokratische Bewegung – ebenfalls eine durchaus kritische Haltung zur Aristokratie. So empfahl er einem Adeligen, der seinen Rat suchte: „Arbeiten’s, dann sind’s g’sund!“

Die neue Medizin: Wissenschaft schlägt Erfahrung

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts befindet sich nicht nur die technische, politische und gesellschaftliche Welt, sondern auch die Medizin in einem tiefgreifenden Wandel: Akademische Ärzte übernehmen die medizinische Vorherrschaft und drängen Naturheilkundler immer mehr zurück. Diagnose und Therapien werden wissenschaftlicher: Robert Virchow erforscht Körperzellen, etwa zur gleichen Zeit entdecken Robert Koch und Louis Pasteur Bakterien und beschreiben Krankheiten und ihre Entstehung völlig neu. Moderne Mediziner konzentrieren sich auf konkrete lokalisierbare Störungen und einzelne Organe. Ein erkrankter Mensch wird aus dem Blickwinkel der Wissenschaft zum reparaturbedürftigen „Gegenstand“, während sich Ärzte mehr und mehr zu Technikern und Spezialisten für einzelne Organe entwickeln. Mit seinem naturheilkundlichen Ansatz und der ganzheitlichen Betrachtung des Zusammenspiels von Körper, Geist und Seele ist Sebastian Kneipp in der medizinischen Welt des 19. Jahrhunderts nur noch Old Fashion.

Kneipp vor Gericht

Dass seine Behandlungen dennoch erfolgreich sind und Kneipp sich bei Ratsuchenden und Patienten größter Beliebtheit erfreut, ist studierten Ärzten und Apothekern ein Dorn im Auge. Ein Gericht soll entscheiden, ob der vermeintlich medizinisch ungebildete Sebastian Kneipp seine Behandlungen fortsetzen darf, und er verteidigt sich standhaft: „Wenn jemand all sein Geld für Doktor und Apotheke ausgegeben hat und die Ärzte erklären: Wir hören jetzt auf, weil Sie kein Geld mehr haben – soll man dem nicht helfen?“ Der beliebte Wasserdoktor aus Wörishofen hat Glück: Der Richter, der selbst unter schmerzhaftem Rheumatismus leidet, fragt ihn während der Verhandlung um Rat. Kneipp zeigt sich hilfsbereit und das Gericht findet einen Kompromiss: „Kurieren Sie die, welche keine Hilfe bekommen oder kein Geld haben, und seien Sie ein Helfer in der Not.“

Ein hoffnungsfroher Blick nach vorn

Man sollte meinen, dass mehr als 100 Jahre nach einer solchen Gerichtsverhandlung der leidige Streit zwischen klassischer Schulmedizin und Vertretern naturheilkundlicher Verfahren endlich erledigt sein müsste. Von dieser „Revolution“ sind wir jedoch leider auch heute noch ein gutes Stück entfernt. Nichtsdestotrotz: Mittlerweile gibt es zumindest Annäherungsversuche. Und immer mehr Menschen engagieren sich für eine Integrative Medizin mit dem Ziel, die konventionelle Medizin und Komplementärmedizin in einem sinnvollen Gesamtkonzept zu verbinden. Auch wir arbeiten daran.

Kneipp und die Schulmedizin – noch eine kleine Anekdote zum Schluss

In einem besonderen Krankheitsfall bat Sebastian Kneipp einen Arzt um dessen Einschätzung. Dieser musste jedoch gestehen, einen solchen Fall in seiner Praxis noch nie gesehen zu haben. Ob es denn einen wissenschaftlichen Namen dafür gebe, fragte Kneipp. Den lateinischen Namen wusste der Arzt sofort. Ein zweiter Arzt kam hinzu, der allerdings eine andere lateinische Bezeichnung kannte. Den Streit der Ärzte, die sich über den richtigen Begriff nicht einigen konnten, unterbrach Kneipp mit der Frage: „Mit dieser medizinischen Wissenschaft hätten Sie doch alle Aussicht, diesen Fall mit Erfolg zu behandeln?“ Beide bedauerten und waren sich einig, dass sie keine geeignete Therapie kannten. Da rief der Pfarrer, gleichermaßen ernst wie belustigt: „Ja, was nutzt mir denn ein wissenschaftlicher Name, wenn ich nicht helfen kann? Kurieren, das ist und bleibt doch die Hauptsache!“

 

Peter Kaprolat ist als Redakteur und Ideengeber für Tourismusverbände, Reiseanbieter und Gesundheitsdienstleister tätig – unter anderem auch für die Kneipp Premium Class.
Mit seiner Kommunikationsagentur 7eins unterstützt er Unternehmen bei deren digitaler Ausrichtung.

Kategorie: Balance, Bewegung