Kneipp Gedenkstätte in Stephansried im Allgäu

Kneipp – Teil I: Vom Weber-Baschtl zum Hochwürden

Wir kennen Sebastian Kneipp als Wasserdoktor und Naturheilkundler mit einem Konzept, das auch heute noch durch seine Ganzheitlichkeit und Einfachheit besticht. Weit weniger bekannt ist, welch beschwerlichen Weg der 1821 in einfachsten Verhältnissen Geborene und schon in jungen Jahren Todgesagte zurücklegen musste, bevor er weit über die Landesgrenzen hinaus Popularität erlangte. Eine Annäherung in drei Teilen.

Die Gegend um Stephansried im Allgäu, dem Geburtsort von Sebastian Kneipp, ist rau. Und genauso ist das Leben, in das er am 17. Mai 1821 hineingeboren wird. Auf engstem Raum lebt er mit seinen Eltern und vier Schwestern. Geschlafen wird auf dem Dachboden, wo die Sommerhitze die Temperaturen in unerträgliche Höhen treibt und in Winternächten der Schnee durch die Ritzen rieselt. „Satt bin ich nur zur Kirchweih geworden“, liest man in seinen Memoiren. Und wie andere Kinder zu der Zeit heißt es auch für den Baschtl früh mitanzupacken. Er hütet das Vieh und sitzt Stunde für Stunde am Webstuhl.

So fleißig er ist, so wenig kann er der Arbeit abgewinnen. Schon früh reift in ihm der Wunsch, „geistlich zu werden“. Doch obwohl sein Vater selbst belesen ist, kommt ein Studium nicht in Frage. Das Geld reicht knapp zum Überleben, aber bestimmt nicht für eine höhere Ausbildung. Baschtl bleibt an den Webstuhl gebunden – im feuchten, staubigen Keller. Eine Arbeitsumgebung, die für seine Gesundheit alles andere als zuträglich ist. Schleimiger Husten wird zu seinem Begleiter, ein Anzeichen dafür, dass seine Lunge bereits stark in Mitleidenschaft gezogen ist.

Trotz dieser ersten gesundheitlichen Einschränkungen macht sich eine von Kneipps prägnantesten Charaktereigenschaften bemerkbar: sein eiserner Wille. Er ist nicht bereit, seinen Traum aufzugeben. Stattdessen klopft er an jede Pfarrerstür in der Gegend in der Hoffnung, einen Lehrer zu finden – vergeblich. Also übernimmt er alle Arbeit, die er kriegen kann und legt die hart verdienten Geldstücke konsequent zur Seite. 70 Gulden hat er beisammen, als er beschließt, von zu Hause wegzugehen und sein Glück zu suchen. Doch ausgerechnet an seinem 21. Geburtstag geschieht ein Unglück: Feuer verbreitet sich in Stephansried und Kneipp gelingt es nicht, seine Habseligkeiten und sein Erspartes aus den Flammen zu retten. Wieder fängt er bei null an.

Unterkriegen lässt sich Kneipp auch jetzt nicht. Er sucht weiter nach Unterstützung – und findet sie schließlich bei einem entfernten Verwandten, der als Kaplan in Grönenbach tätig ist. Endlich erhält er den ersehnten Unterricht. Mit harter Arbeit verdient er sich Kost und Logis. Und für einmal ist das Glück auf seiner Seite: Ein Los entscheidet, dass er nicht zum Wehrdienst eingezogen wird. Stattdessen wird er – selbstredend erst nach langwieriger Überzeugungsarbeit – in Dillingen in die sechste Gymnasialklasse aufgenommen. Seine um etliche Jahre jüngeren Schulkollegen versehen den 23-Jährigen mit dem Spitznamen „Papa Kneipp“.

Schulisch sind damit zwar nun wichtige Weichen gestellt. Kneipp schafft das Abitur und ebnet damit den Weg für ein Studium. Seine Gesundheit verschlechtert sich hingegen massiv. Ärztlich wird ihm attestiert, dass es keine Rettung für ihn gibt. Trotzdem geht er nach München, schreibt sich an der Universität ein und schleppt sich zu den Philosophie- und Theologievorlesungen. In der Bibliothek fällt ihm ein Buch in die Hände, in dem Johann Siegemund Hahn über die Kraft des Wassers bei der Behandlung von Kranken schreibt. Kneipp kümmert sich nicht darum, dass der Verfasser von Kritikern als „Wasserhahn“ verspottet wird. Er vertieft sich in weitere Literatur – und als für das Studium wieder nach Dillingen zieht, beginnt er seine eigene Therapie. Es ist der Winter 1849/50 – eiskalt mit Temperaturen bis zu minus 15 Grad. Und doch geht Kneipp mehrmals wöchentlich zur Donau, um bis zum Kopf ins Wasser einzutauchen. Diese selbstverschriebene Kur setzt er fort, als er mittels Stipendium ans Münchner Georgianum geht. Nach Mitternacht schleicht er sich in den Innenhof und steigt in den Springbrunnen.

Eisbär wird Kneipp von seinen Kommilitonen genannt. Und tatsächlich gelingt ihm, was die Mediziner nicht für möglich gehalten hätten: Als er kurz vor seiner Priesterweihe zum üblichen Gesundheitstest berufen wird, wird er als kerngesund entlassen. Im Gegensatz zu einem Mitstudenten, dem wegen Lungenbeschwerden die Priesterweihe verwehrt bleiben soll. Kurzentschlossen weiht Kneipp ihn und einen weiteren Kommilitonen in sein Geheimnis ein. Und auch bei diesen beiden schlägt die nächtliche Brunnentherapie an.

Und so feiert im August 1853, wie Christian Feldmann in „Sebastian Kneipp – der fünfzehnte Nothelfer“ beschreibt, „der Hochwürdige Sebastian Kneipp, den sie alle noch als den Weber-Baschtl kennen, seine Primizmesse und dankt dem lieben Gott tausendmal, dass er ihm so einen sturen Dickkopf geschenkt hat – und ein mutiges Herz, das sich vor den eisigen Wassern der Donau genauso wenig gefürchtet hat wie vor Spott und Ablehnung der Menschen“. 

Teil II und III über das Leben von Sebastian Kneipp lesen Sie hier in unserem Blog in den Folgemonaten. 

Bettina Bichsel schreibt und bloggt rund um Medizinisches, Gesundes und Kneipp-Spezifisches. Daneben arbeitet die diplomierte Journalistin als Texterin, Kommunikationsexpertin und Coach.

Kategorie: Kneipp