Die Anpassungskünstlerin

Nach wie vor fristet die Steckrübe ein stiefmütterliches Dasein. Ihr Image aus den Kriegsjahren, als die pure Not sie hierzulande fast ausschließlich auf den Speiseplan brachte, wurde sie nie richtig los. Aber Gründe, ihr ein Comeback zu gönnen, gibt es viele.

Im Gegensatz zur Kartoffel, die der Fäule zum Opfer fiel, konnte der regenreiche Herbst im Jahr 1916 der Steckrübe nichts anhaben. Und so brachte die Rübe, die im 17. Jahrhundert von Skandinavien her auf unsere Äcker fand, den von Entbehrung und Elend geprägten kalten Monaten ihren Namen: Steckrübenwinter.
Zuvor eher ans Vieh verfüttert, blieb den Menschen hierzulande nichts anderes übrig, als der Steckrübe den Weg in die Kochtöpfe zu ebnen. Ob als Suppe, Eintopf, Brot, Marmelade oder Kaffeeersatz – das Gemüse wurde zu allem Möglichen verarbeitet, um dem Speiseplan wenigstens eine vermeintliche Abwechslung vorzugaukeln. Dasselbe wiederholte sich mehr oder weniger im Nachkriegswinter 1946/47. Kein Wunder also, dass die Steckrübe in der Hitliste der beliebtesten Gemüsesorten nicht vorkommt. Sie wird vielmehr mit Mangel, Not und Einschränkung in Verbindung gebracht.

Viele wertvolle Inhaltsstoffe

Dabei hat die Runkelrübe, wie sie auch genannt wird, einiges zu bieten. Zwar enthält sie relativ viel (Trauben-)Zucker, aber der gleichzeitig hohe Wassergehalt und geringe Fettanteil machen sie dennoch kalorienarm. Wer also auf sein Gewicht achtet – und gerade über die kommende Weihnachtszeit nicht zunehmen möchte –, ist mit der Steckrübe gut bedient.
Die gelbe Farbe verleiht ihr das Betacarotin, das gesund ist für Haut und Haare, aber auch die Abwehrkräfte stärkt. Das gilt ebenso für das Vitamin C. Hinzu kommt ein vergleichsweise hoher Gehalt an Kalium, das Herz und Kreislauf stärkt und gegen hohen Blutdruck hilft. Weitere wichtige Mineralstoffe sind Kalzium und Magnesium. Hinzu kommen die Spurenelemente Eisen und Zink sowie das sogenannte Diindolymethan, kurz DIM, das bei Wechseljahrbeschwerden oder anderen hormonellen Disbalancen helfen soll. Dem Stoff, der auch in Brokkoli und Kohlarten vorkommt, wird zudem bei gewissen Formen von Krebs eine positive Wirkung nachgesagt.
Und nicht zuletzt sorgen die ätherischen Öle der Steckrübe dafür, dass sie für Magen, Darm und Verdauung besonders bekömmlich ist.

Begleiterin in den kalten Monaten

Aber noch ein anderer Aspekt spricht für die Steckrübe: Sie ist regional, ihr ökologischer Fußabdruck also nicht so groß wie Gemüse, das von weit her den Winter über auf unsere Tische kommt. Im Keller lässt sie sich Wochen bis Monate lagern, so dass sie uns während der gesamten kalten Jahreszeit begleiten kann.
Und in unserer heutigen Zeit lässt sich auch die Vielseitigkeit der Rübe richtig genießen. Im Internet finden sich viele Rezepte, ob klassisch als Suppe oder Eintopf oder eher kreativ als Gnocchi, Pommes, Hummus, Curry oder – roh und fein geraspelt – als Salat.
Werden nur Steckrüben verwendet, mag ein kleiner Tipp hilfreich sein: Da manche den leicht bitteren Abgang im Geschmack als unangenehm empfinden mögen, empfiehlt es sich, das Gericht mit Ingwer, Chili, Zitrone oder Limette abzuschmecken. Denn Säure oder Schärfe übertönen das Bittere.
Und kombiniert mit anderem Gemüse entwickelt die Steckrübe darüber hinaus eine interessante Eigenschaft: Sie passt sich dem anderen Geschmack an und verstärkt diesen. Wer also zu wenig Kürbis für eine Kürbissuppe oder zu wenig für Äpfel für Kompott hat, fügt einfach Steckrüben zu. Denn die Rübe ist nicht nur vielseitig und gesund, sondern auch eine wahre Anpassungskünstlerin.

 

Bettina Bichsel schreibt und bloggt rund um Medizinisches, Gesundes und Kneipp-Spezifisches. Daneben arbeitet die diplomierte Journalistin als Texterin, Kommunikationsexpertin und Coach.

Kategorie: Ernährung