Misteln

Über Gallier, Zaubertränke, den Blutdruck und das Glück in der Liebe

Zum großen Bedauern all derjenigen, die zumindest temporär gern einmal ihre Körperkraft ins Unermessliche steigern möchten, gibt leider auch der jüngst im Oktober 2021 erschienene Asterix- Band No. 39, „Asterix und der Greif“, keine Auskunft: Die Zutaten, die der Druide Miraculix in seinen Zaubertrank mischt, bleiben noch immer ein Geheimnis. Schade, eigentlich. Doch wenn alle Raufbolde gleichermaßen das Rezept kennen würden, wäre auch niemandem geholfen. So gesehen also egal. Fest steht nur: Auch Sebastian Kneipp, der deutlich nach der Blütezeit des Römischen Reiches bzw. des widerspenstigen kleinen Dorfes in Gallien, jedoch deutlich vor dem ersten Erscheinen der Comic-Figur „Asterix“ im Jahr 1959 lebte, kannte eine wesentliche Zutat des Tranks: Die Mistel, die er als „treffliche Heilpflanze“ zur Regulierung des Blutdrucks schätzte.

Aber vor Kneipp beschrieb bereits der griechische Arzt Hippokrates ihren Nutzen bei Epilepsie und Schwindelanfällen, während Hildegard von Bingen die Bestandteile der Pflanze bei Leberbeschwerden empfahl. Heute belegen sogar wissenschaftliche Studien, dass bestimmte Substanzen der Mistel das Immunsystem stärken. Darüber hinaus wird sie auch in der Schulmedizin als sinnvolle Ergänzung zur konventionellen Krebstherapie anerkannt, da Mistelpräparate Übelkeit und Erbrechen mildern und zugleich die Lebensqualität und das emotionale Wohlbefinden verbessern.

Donnerbesen, Hexenkraut, Drudenfuß –
vermutlich ist es die eigentümliche Lebensweise, die Misteln schon seit jeher eine besondere Aufmerksamkeit und bedeutungsvolle Namen zuteil werden ließen: Die Tatsache, dass die Pflanze als Halbparasit hoch oben in verschiedenen Bäumen gedeiht, sich über Beeren im Vogelkot fortpflanzt und damit ihr Überleben sichert, ließ sie schon immer als irgendwie geheimnisvoll erscheinen. So wurden ihr neben der medizinischen Wirksamkeit auch allerlei magische Kräfte zugeschrieben: Bereits bei den alten Germanen galt die Mistel als probates Mittel zur Abwehr von Donner, Blitz, Hexen und bösen Geistern, während keltische Druiden die Mistel als die heiligste aller Pflanzen ansahen. Daher wurde sie nur bei Gottesdiensten und nach einem speziellem Pflückritual eingesetzt. Wir erinnern uns: Nur Miraculix höchstselbst darf die Mistelzweige schneiden, wofür der Druide stets seine goldene Sichel nutzt. Doch zurück zur Medizin.

„Ihre Heilwirkungen erstrecken sich in erster Linie aufs Blut“
So beschreibt Sebastian Kneipp den Nutzen der Mistel in seinem Ratgeber „Meine Wasserkur“:
„Bei Kreislaufschwäche und beschleunigtem Puls wird ähnlich wie bei Digitalis der Puls verlangsamt. Gesteigerter Blutdruck wird gesenkt, und die begleitenden Erscheinungen, wie Kopfblutandrang, Schwindel, schwinden bei längerem Gebrauch. Daher ist die Mistel ein begehrtes Mittel bei Aderverkalkung und Blutdruckerhöhung geworden.“ Dass Mistelpräparate blutdruckregulierend wirken, das Immunsystem stärken und Kopfschmerzen wie Schwindel lindern können, ist wissenschaftlich mittlerweile bestätigt. Ebenso soll Misteltee Blutflüsse, insbesondere bei starken Monatsblutungen stillen: „Ich könnte eine Reihe von Fällen aufzählen, bei denen eine einzige Tasse zur Stillung genügt hat. Auch bei anderen Störungen im Blutumlauf können diese Pflanze und ihr ganz unschädlicher Tee zu Rate gezogen werden.“

Vorsicht bei der Zubereitung!
Für die Zubereitung des Misteltees empfiehlt zwar schon Kneipp den Kaltwasserauszug, da er dreimal stärker als der Aufguss und siebenmal stärker als das Abkochen wirke. Nach heutigem Kenntnisstand ist dies jedoch nicht der einzige Grund, ausschließlich diese Zubereitungsform zu wählen: Da die Mistel sowohl in ihren Blättern als auch in ihren Beeren giftige Bestandteile enthält, dürfen Pflanzenteile erstens nie verzehrt und zweitens nie gekocht werden, da sich dann die enthaltenen Giftstoffe lösen können.
„Ganz unschädlich“ ist der Tee also nur dann, wenn er mit kaltem Wasser aufgegossen wird (ca. ein Teelöffel pro Tasse) und die Flüssigkeit ca. 10 – 12 Stunden zieht. Nach dem Abseihen darf er leicht erwärmt, aber nicht gekocht werden. Misteltee sollte außerdem nicht bei Histaminunverträglichkeit, fieberhaften Erkrankungen, Schwangerschaft oder während der Stillzeit eingenommen werden.

Zum guten Schluss: Der Mistelzweig zum Weihnachtsfest
Vielleicht haben Sie es anhand von Spekulatius, Printen und Spitzkuchen im Supermarktregal bemerkt: Weihnachten rückt näher. Und schon die Germanen und einige nordische Völker, die sich zwar nicht aufs Weihnachtsfest, wohl aber auf die Wintersonnenwende freuten, schmückten zu dieser Jahreszeit ihr Haus mit immergrünen Mistelzweigen, die nicht nur hübsch aussahen, sondern auch Glück bringen sollten. Heute erfreut sich diese Tradition auch bei uns wieder immer größerer Beliebtheit. Damit uns der Himmel nicht auf den Kopf fällt, möglicherweise. Und Paare dürfen sich ganz besonders freuen – denn: Wer sich unter einer Mistel küsst, bleibt ein Leben lang zusammen. Sagt man. Das ist zwar nicht wissenschaftlich erwiesen, aber schaden kann’s auf keinen Fall…

Peter Kaprolat ist als Redakteur und Ideengeber für Tourismusverbände, Reiseanbieter und Gesundheitsdienstleister tätig – unter anderem auch für die Kneipp Premium Class.
Mit seiner Kommunikationsagentur 7eins unterstützt er Unternehmen bei deren digitaler Ausrichtung.

Kategorie: Heilpflanzen