Laufen Sie doch mal im Rückwärtsgang!

Über Nostalgie, Chinesen, Oldies und ein neues „Rückwärts nach Vorn“

Rückwärtsgewandten Menschen begegnet man eher skeptisch. Sie gelten als wissenschafts- und fortschrittsfeindlich, weil sie sich nach einer vermeintlich „guten alten Zeit“ zurücksehnen, die bei genauerer Betrachtung ganz gewiss nur für die wenigstens Menschen besser war als heute.
Noch im 19. Jahrhundert galt Nostalgie sogar als Krankheit. Doch alle diejenigen, die sich mitunter gern an ein Weihnachtsfest in der Kindheit erinnern oder zwischendurch mal wehmütig an die Zeiten von „Bonanza“, „Dallas“, „Wetten, dass …“ oder „Desperate Housewives“ (je nach Generation und Geschmack) zurückdenken, brauchen sich jetzt nicht zu erschrecken: Die Medizin sieht die Thematik inzwischen weitaus differenzierter. Unseren Fokus legen wir jedoch zunächst auf ein Thema, bei dem es um ein ganz anderes „Rückwärts“ geht. Und dabei kommen die Chinesen ins Spiel…

Doch um die Spannung etwas in die Höhe zu treiben, soll zunächst von Sebastian Kneipp die Rede sein, der zu seiner Zeit übrigens ein äußerst wissenschafts- und fortschrittskritischer Nostalgiker war. Heute gilt er jedoch vielmehr als Vordenker der Naturheilmedizin und wird eher als ein Prophet der Zukunft gesehen. The Times They Are a-Changin’, könnte man mit Bob Dylan sagen. Doch zur Musik kommen wir später.
Eine wesentliche Säule von Kneipps Lehre ist die Bewegung, die jedoch über das reine Spazierengehen hinausgehen sollte: „Viele glauben, wenn sie von Zeit zu Zeit oder auch ganz regelmäßig ihren Spaziergang machen, dann hätten sie für die Erhaltung und Vermehrung ihrer Körperkräfte ihre Schuldigkeit getan; aber ich behaupte: Es reicht durchaus nicht hin: Beim Spaziergang werden bloß Beine und Füße im Tragen geübt. (…) Es gibt aber auch solche (Spaziergänge), die allerdings sehr dazu beitragen können, die Kraft des Körpers zu heben und die Gesundheit zu festigen.“ Man solle beispielsweise ziemlich rasch gehen und im Idealfall einen Weg wählen, der bergauf führt oder sonst mühsam ist. Vor allem kommt es darauf an, „daß nicht bloß die Beine, sondern auch die übrigen Körperteile in Bewegung kommen.“ Wir sind beim Rückwärtslaufen.

Zurück in die Zukunft – Rückwärtslaufen made in China

Schneller, höher, weiter, größer: Rückwärtslaufen – ausgerechnet in China? In dem Land, das eigentlich als Synonym für extremen (und mitunter recht fragwürdigen) Fortschritt gilt, ist das Rückwärtslaufen tief verwurzelt und gehört – wie das Joggen im Westen – zum Alltagsbild in den Parks von Peking oder Shanghai. Die Idee ist, den Körper aus der Routine alltäglicher Bewegungsabläufe zu bringen und eine andere Perspektive einzunehmen, um die Welt einfach mal ganz neu zu erleben. Das Rückwärtslaufen wirkt dabei nicht nur körperlich, indem ganz andere Muskelgruppen beansprucht werden, sondern schärft auch die Sinne: Der Rückwärtsgang verlangt die volle Aufmerksamkeit, man wird zwangsläufig langsamer, konzentrierter, achtsamer und katapultiert den Geist ins Hier und Jetzt. Probieren Sie es doch einfach mal aus. Einfach nur für fünf Schritte. Ganz langsam. Hier. Und jetzt.

„Retrorunning“ – auch gut für die Balance von Körper und Geist

Auch wenn es bei uns in Deutschland noch nicht zum alltäglichen Bild in Parks oder Sportanlagen gehört, findet das Rückwärtslaufen (neudeutsch: Retrorunning) hier immer mehr Anhänger. Das ist ganz im Sinne Sebastian Kneipps, da diese Fortbewegungstechnik zusätzlich auch die Balance von Körper und Geist unterstützt. So werden
• das Körperbewusstsein, Koordination und Gleichgewichtsfähigkeit verbessert
• die Hüft- und Wirbelsäulenmuskulatur gestärkt, während die Knie geschont werden • die rechte Gehirnhälfte angeregt und die Konzentration gefördert
Wenn Sie mit dem Rückwärtslaufen beginnen, sollten Sie jedoch behutsam vorgehen, da es wegen der ungewohnten Beanspruchung schnell zu Überlastungen kommen kann: Eine komplette Sportplatz- Runde führt bei Ungeübten zum garantierten Muskelkater.
Idealerweise beginnt man mit sehr mäßigem Tempo auf einer geraden Strecke ohne Hindernisse. Wenn man zu zweit unterwegs ist, kann einer vorwärts laufen und den Rückwärtslaufenden vor Hindernissen warnen: Eine ganz neue Art der Kommunikation und vor allem auch eine wunderbar vertrauensbildende Maßnahme.

Und dann noch mal zurück zur Nostalgie

Wenn Sie sich wie viele andere mit Wehmut während diverser Lockdowns an Zeiten zurückerinnert haben, in denen Restaurant- und Club-Besuche, Urlaubsreisen oder Volksfeste das Selbstverständlichste der Welt waren, und Sie sich – zumal Sie ja viel mehr Zeit als vor Corona hatten – mal wieder alte Musik aus Ihrer Jugendzeit hervorgekramt haben, machen Sie sich keine großen Sorgen, denn das ist offenbar ganz normal: Daten des Streaming-Portals Spotify zeigen, dass seit Beginn der Corona-Zeit Oldies Hochkonjunktur haben. Musikwissenschaftler erklären dieses Phänomen mit dem Bedürfnis, sich mit Hilfe einer schönen Erinnerung in eine positive Stimmung zu versetzen, um produktive Kräfte zu generieren und die neue, als bedrohlich empfundene Krisenerfahrung besser verarbeiten zu können.
Im Gegensatz zur Freud’schen Psychoanalyse, die ein solches Verhalten als Symptom einer depressiven Verstimmung gewertet hätte, hat sich auch unter Psychologen eine andere Einschätzung verbreitet: So geht man heute davon aus, dass nostalgische Gefühle die Seele ins Gleichgewicht bringen, Ängste vertreiben und die Grundstimmung verbessern können. In Experimenten wurde sogar eine körperliche Wirkung festgestellt: Bei den Probanden stieg die gefühlte Raumtemperatur um vier Grad Celsius.
Nach etwas Übung im Rückwärtslaufen können Sie es ja einmal zusätzlich mit Kopfhörer und Musik versuchen: Zum Beispiel mit den Beatles-Klassikern „Here Comes The Sun“ und „Good Day Sunshine“. Oder: „What A Wonderful World“. Sehr empfehlenswert auch: Van Morrisons „In The Garden“, idealerweise in der Live-Fassung „A Night In San Francisco“ von 1994. Oder was auch immer sonst Ihnen zwischen Abba und Zappa gute Laune macht und geeignet ist, ein gutes Gefühl von früher zurück in die Gegenwart zu holen und daraus neue Kraft zu schöpfen…

Peter Kaprolat ist als Redakteur und Ideengeber für Tourismusverbände, Reiseanbieter und Gesundheitsdienstleister tätig – unter anderem auch für die Kneipp Premium Class.
Mit seiner Kommunikationsagentur 7eins unterstützt er Unternehmen bei deren digitaler Ausrichtung.

Kategorie: Bewegung