Lob der Kartoffel: Kneipp – ein Kartoffelfan der ersten Stunde… zum Blog

Lob der Kartoffel

Über Kneipp, Deutsche, Italiener, Araber und allerlei Vorurteile

Die Kartoffel hat es noch nie leicht gehabt. Zu Kneipps Zeiten hieß es, sie habe keinen Nährwert. Dann galt sie als Dickmacher. Der Begriff „Couch Potato“ wurde mittlerweile zum Sinnbild für Faulenzer, während manche Menschen aus anderen Kulturkreisen das Wort „Kartoffel“ verächtlich zur Bezeichnung von Deutschen verwenden.
Und heute macht Corona den Kartoffeln – beziehungsweise ihren Erzeugern – das Leben schwer. Es ist also an der Zeit, ein Plädoyer für das vielfach zu Unrecht diffamierte Nachtschattengewächs zu halten. Das tun wir jetzt und wissen Sebastian Kneipp an unserer Seite.

Warum Kartoffeln und ihre Produzenten nach vielen ungerechtfertigten Anschuldigungen in der jüngeren und älteren Geschichte jetzt auch noch unter Corona leiden, leuchtet zwar nicht unmittelbar ein, ist dann jedoch auf den zweiten Blick sofort nachvollziehbar: Mit der Schließung der Gastronomie und dem Stopp von Veranstaltungen ist der Umsatz von Pommes Frites so massiv eingebrochen, dass die Kartoffelwirtschaft bereits von der großen „Pommes-Krise“ spricht. Freilich ist die frittierte Kartoffel naturgemäß nicht die gesündeste Variante ihrer Zubereitung und sollte aus Kneippscher Sicht eher gemieden werden. Doch für die Kartoffel als solche tut es uns leid. Bevor wir gleich zum ernährungstechnischen Wert der Kartoffel kommen, muss jedoch eine Frage auf jeden Fall noch geklärt werden:

Wie deutsch ist sie nun eigentlich, die Kartoffel?

Deutschland gilt überwiegend – sowohl in der Selbst- als auch in der Fremdwahrnehmung – eigentlich als das Kartoffel-Land schlechthin. Schon italienische Zuwanderer bezeichneten uns als „mangiapatate“ – die  Kartoffelesser. Das war nicht immer freundlich gemeint, doch lange nicht so unfreundlich wie der hierzulande verwendete Begriff „Spaghetti-Fresser“. Die damit ausgedrückte Verachtung italienischer „Gastarbeiter“ lag vermutlich darin begründet, dass wir in den frühen 60er Jahren weder mit langen Nudeln noch mit der mediterranen Kultur sonderlich vertraut waren. Dies sollte sich – wie wir wissen – glücklicherweise im Laufe der folgenden Jahrzehnte erheblich ändern.
Heute sind es andere Zuwanderer, bevorzugt aus arabischen Ländern, die uns Deutsche – ebenfalls nicht immer in freundlicher Absicht – „Kartoffeln“ nennen – und dies, obwohl aus diesen Regionen zahlreiche
sehr köstliche Zubereitungen besagter Knolle bekannt sind. Verstehe einer die Welt.
Für eine Überraschung sorgt nicht zuletzt der Blick auf die Statistik aus dem Jahr 2017: Mit einem durchschnittlichen jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 52 Kilogramm liegen die Deutschen zwar vor den Italienern (38 kg), im europäischen Vergleich jedoch nur im Mittelfeld. Weit vor uns sind u.a. die Portugiesen (72 kg), Belgier (91 kg), Briten (104 kg) und die Rumänen (110 kg). Die wahren „Kartoffeln“ in Europa sind allerdings die Letten, die jährlich über 123 kg je Einwohner verputzen.
Zwischen der Wahrnehmung der Wirklichkeit und der Realität selbst bestehen mitunter deutliche Diskrepanzen. Das ist offenbar nicht nur bei Donald Trump und seinen Anhängern so. Aber jetzt zu Kneipp.

Kneipp – ein Kartoffelfan der ersten Stunde

Als die Kartoffel mit Hilfe von Kolumbus nach Europa kam, tat sie sich schwer, hier Freunde zu finden. Vielleicht lag es an ihrem Aussehen. Oder an ihrer Zuwanderungsgeschichte. Wer weiß das schon. Die Kartoffel schmecke nicht und verursache Blähungen, behauptete der Philosoph Diderot.
Mit seiner Fürsprache in seinem 1889 erschienenen Werk „So sollt ihr leben!“ vertrat Sebastian Kneipp jedoch eine völlig andere Haltung: „Seit die Erdäpfel in Europa eingeführt sind, sind sie vielfach verfolgt und als Nahrung für die Menschen heruntergesetzt und verworfen worden. Wer aber ihren Wert erkennt und sich zunutze zu machen weiß, wird sie gewiß nicht gering achten. Für den menschlichen Unterhalt haben sie eine so hohe Bedeutung, daß sie geradezu unentbehrlich geworden sind.“
Sebastian Kneipp pries die Kartoffel als äußerst gehaltvolles Nahrungsmittel insbesondere für den kleinen Geldbeutel und hatte nicht viel Verständnis dafür, dass Eier im Vergleich zu Kartoffeln ein erheblich höheres Ansehen genossen: „Ich will über die Eier gar kein Urteil fällen, sondern bloß die Ansicht von Gelehrten anführen, welche die notwendigen Untersuchungen hierüber angestellt haben und behaupten, daß ein Mensch, um seinen notwendigen Bedarf an Eiweiß für einen Tag aus Eiern allein zu decken, zwanzig Eier essen müsste, vorausgesetzt, daß seine Verdauung noch dazu die denkbar günstigste sei.“

Die Kartoffel ist gesund und macht nicht dick!

Heute steht Kneipp mit seiner Wertschätzung der Kartoffel schon lange nicht mehr allein. Viele Ernährungswissenschaftler haben seine Erkenntnis konkretisiert: Kartoffeln enthalten ein sehr hochwertiges pflanzliches Eiweiß, sehr viel Kalium und die Vitamine B1, B6 und C. Darüber hinaus sind sie glutenfrei und beinhalten Pflanzenstoffe, die möglicherweise sogar vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen und das Immunsystem positiv beeinflussen.
Solange Sie um Pommes, Chips und fette Käsesoßen einen großen Bogen machen und im Idealfall beispielsweise unseren guten alten deutschen Pellkartoffeln oder dem klassischen Püree (allerdings ohne Butter und/oder Milch) tendenziell den Vorzug geben, sind Sie auch kalorienmäßig auf der richtigen Seite: Während 100 Gramm Kartoffeln nur 69 Kalorien enthalten, sind es bei Reis 90 und bei Pasta um die 150 Kalorien.

Unser Fazit also:

Kehren Sie Spätzle und Spaghetti ruhig öfter mal den Rücken zu. Essen Sie stattdessen mehr Kartoffeln und tun so Sie etwas Gutes für Ihre Gesundheit und die Kartoffelbauern. Naja, und wenn dann zwischendurch doch mal eine leckere Portion Pommes Rot-Weiß dabei ist, tun wir einfach so, als hätten wir es nicht gesehen … 🙂

 

 

Peter Kaprolat ist als Redakteur und Ideengeber für Tourismusverbände, Reiseanbieter und Gesundheitsdienstleister tätig – unter anderem auch für die Kneipp Premium Class.
Mit seiner Kommunikationsagentur 7eins unterstützt er Unternehmen bei deren digitaler Ausrichtung.